Programm zur Ausstellung
1. Ausstellungseröffnung:
mit afrikanischer Live Musik der Gruppe BAODO und selbstgekochten afrikanischen
Essen und Getränken. Durch das Zusammentreffen in gemütlicher
Atmosphäre bei der Ausstellungseröffnung ergibt sich eine
Chance der direkte Begegnung und des Kennenlernens.
2. "Sprechstunden":
Die KünstlerInnen
sind an 2 Tagen in der Woche in der Ausstellung anwesend und erteilen
Auskünfte.
3. Schulklassen werden eingeladen,
die Ausstellung zu besuchen und haben die Möglichkeit bei vorheriger
Anmeldung bei einem Workshop der Gruppe BAODO (Musik und Malen) teilzunehmen.
4. Finissage: mit afrikanischer Live-Musik der Gruppe BAODO
Workshop:
Einführung: Veronika Dreier
Afrikanische Jugendliche der Gruppe BAODO erzählen über das
Leben als Jugendlicher in Afrika. Gravierende Unterschiede der Lebensformen
in den einzelnen Ländern Afrikas werden aufgezeigt. Die SchülerInnen
haben Gelegenheit Fragen zu stellen und ihre Situation in Österreich
darzustellen. Die Vor- und Nachteile der einzelnen Lebensformen werden
diskutiert. Die TeilnehmerInnen haben die Möglichkeit, auf die
speziellen Eigenheiten ihrer verschiedenen Kulturen einzugehen und deren
jeweilige Wesensmerkmale herauszuarbeiten.
Musikteil: Musizieren mit afrikanischen
Instrumenten. Trommeln ist Kommunikation und Sprache gleichzeitig. Jede/r
SchülerIn gibt einen Rhythmus vor, worauf die gesamte Gruppe die
Musik aufbaut.
Danach: Reflexionen über die eigene Befindlichkeit
nach diesen Übungen.
Die Grenzüberschreitungen sollen bei diesem Projekt
auf möglichst vielen Ebenen stattfinden.
Der Ort selbst - das Sozialamt - als Ort einer künstlerischen Auseinandersetzung und sozialpolitischen Diskurses:
- Welchen gesellschaftspolitischen Wert hat Kunst und Kultur?
- Welchen Einfluss kann Kultur in der Lebensgestaltung und - bewältigung
haben?
- Was kann Kunst zur Förderung demokratischer Lernprozesse beisteuern?
- Aufhebung sozialer Ausgrenzungen
- Möglichkeiten über die Kunst neue Spielräume zu öffnen
und somit eine Veränderung von innen heraus zu bewirken.
Die Akteure des Projektes - Flüchtlinge und Asylwerber
- Kaum Verdienstmöglichkeiten, leben am Mindeststandard
- Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe (AfrikanerInnen)
- Kunst als Transportmittel zur kulturellen Verständigung
- Künstlerischer Ausdruck als Maßnahme traumatisierende Erlebnisse
zu verarbeiten
BAODO
BAODO wurde im Mai 2000 von
Veronika Dreier gegründet; anfangs in Kooperation mit dem Verein
ZEBRA, später als eigenständiger Kunstverein, arbeitet
an der Integration jugendlicher AsylwerberInnen aus Afrika. Derzeit
besteht die Gruppe aus 28 aktiven Teilnehmern aus verschiedenen Ländern
Westafrikas.
InitiatorInnen des Kunstraumes N I L sind Veronika Dreier, Eva Ursprung,
Joseph Dim und Maxwell Emiohe. Das sozio-kulturelle Projekt bestand
aus einem Team von jugendlichen Flüchtlingen aus verschiedenen
Ländern Afrikas und aus Afghanistan, KünstlerInnen, SoziologInnen
und TherapeutInnen. Das Projekt arbeitet an der Schnittstelle zwischen
Sozialarbeit, Jugendarbeit, Kunst und Alltagskultur. Ziel ist die Neupositionierung
der Identität von jugendlichen afrikanischen Flüchtlingen,
und deren Integration in unsere für sie vorerst fremde Gesellschaft,
sowie das gegenseitige Kennenlernen der verschiedenen Kulturen. Dies
kann nur durch Kontakt zu GrazerInnen funktionieren.
Für AfrikanerInnen ist dies extrem schwierig in viele Grazer Lokale
werden sie nicht hinein gelassen, oder sie werden dort nicht bedient.
Kommunikation mit GrazerInnen in normaler Umgebung kann so nur schwer
zustande kommen, ist aber andererseits Voraussetzung für eine erfolgreiche
Integration. Dazu kommen die sprachlichen Barrieren: die AsylwerberInnen
besuchen Deutschkurse, finden aber im Alltag kaum Möglichkeiten,
sich in dieser Sprache zu erproben, und so verlernen sie das in den
Kursen erworbene ziemlich rasch. Daher war es ein vordringliches Ziel,
einen Ort zu schaffen, in dem es möglich ist, in angenehmer Atmosphäre
und mit attraktiven kreativen Angeboten eine Basis für Austausch,
gegenseitiges Lernen und Kommunikation zu schaffen.
Aus der anfangs therapeutisch orientierten Gruppe entwickelte
sich inzwischen ein eigenständiger Kunstverein, dessen Hauptintention
die interkulturelle künstlerische Arbeit ist. Das sehr erfolgreiche
Malprojekt von Veronika Dreier erweiterte sich sukzessive Richtung Performance,
Musik, Webart, Video und Fotografie. Die regelmäßige Radiosendung
"African Time" auf Radio Helsinki läuft nun bereits seit 2 Jahren
mit gro§em Erfolg. BAODO hat mit seinen Aktivitäten in der Zeit
seines Bestehens durch seine Projekte (in Schulen und Kindergärten),
Ausstellungen und öffentlichen Auftritte und die Radiosendung African
Time einen wichtigen Beitrag zur Verständigung und Rassismusprävention
geleistet. Der dabei entstandene gute Dialog soll nun durch eine Ermöglichung
der Fortsetzung vertieft und weitergeführt werden.
Die Aktivitäten bei BAODO hilft den AfrikanerInnen bei der Bewältigung
ihres Kulturschocks, bewahrt sie davor, angesichts ihrer prekären
Situation in Depressionen und in Folge in die Kriminalität abzugleiten
und leistet damit erfolgreiche Voraussetzungen zur Drogen- und Kriminalitätsprävention.
Die Resultate der Arbeit mit der Künstlergruppe finden österreichweit,
und zunehmend auch international, Anerkennung und wurden u.a. in folgenden Galerien präsentiert:
2003 • "Hotel Pupik", Schrattenberg;
2002 • "Graz intern" • Forum Stadtpark Graz;
• MUWA, Museum der Wahrnehmung • Artophobia • Oberösterreichische Landesgalerie Linz • Kunstraum Goethestraße, Linz • Forum Stadtpark (Standort und Identität)
2001 • The Substation, Singapore, im Rahmen der 2. internationalen Tagung "PUBLIC ENGAGED ART", wo das Projekt als europäisches Beispiel sozial engagierter Kunst vorgestellt wurde.
Arbeiten der Gruppe wurden in "Focas", einer Kunstzeitschrift für
den südostasiatischen Raum, sowie in den "Lichtungen" publiziert.
BAODO ist ein Laboratorium für innovative Kunst.
Durch Workshops mit Veronika Dreier, Eva Ursprung und anderen KünstlerInnen
aus Österreich, den Niederlanden und Amerika wird ein experimentelles
Umfeld zur Erprobung neuer künstlerischer Möglichkeiten geschaffen,
angesiedelt im Niemandsland zwischen dem, was die Asylwerber an traditionellem
künstlerischen Kapital aus ihren jeweiligen Heimatländern
mitgebracht haben, und einer europäischen Lebens- und Erfahrungswelt,
die eine neue Blickweise fordert und damit den künstlerischen Ausdruck
um eine weitere Ebene erweitert.
N.I.L. Kunstraum + Cafè Seit März 2004 hat
der Verein BAODO nun die Räume des ehemaligen "Celery`s" in der
Dreihackengasse 42 angemietet. Hier entsteht nun ein Jugend-, Kommunikations-
und Kulturzentrum mit Workshopangeboten, öffentlichem Internetzugang,
Videoschnittplatz, Diskussionsveranstaltungen, Konzerten, Performances,
DJ-Abenden. Über das ganze Jahr hinweg soll an 1 - 2 Tage pro Woche
eine Ansprechperson zur Verfügung stehen, die bestimmte Kompetenzen
vermittelt: Umgang mit Computern, Internet, Webdesign, digitale Fotografie
und Bildbearbeitung, Gestaltung von Broschüren, Videoprojekte...
An diesen Tagen werden gemeinsam mit technischer und kreativer Unterstützung
Projekte erarbeitet, z.B. eine Webpage, eine Ausstellung, ein Video,
ein Hörspiel oder eine Performance...
Die Betreuerin regt Projekte und Aktivitäten an, hilft beim Erarbeiten
von Konzepten und deren Umsetzung. Gleichzeitig hilft sie den MigrantInnen
bei der Aufarbeitung ihrer Probleme und unterstützt die Kommunikation
zwischen MigrantInnen und Einheimischen. Im Cafè werden regelmäßig
unter der Regie von Joseph Dim, Miracle Dim, John Okoye, Yoyo Emeka,
Israel Imomo und anderen Mitgliedern der Gruppe BAODO afrikanische und
europäische Speisen und Getränke angeboten.
In der ersten Ausstellung zeigten KünstlerInnen von BAODO: Yony
Asbonifo, cym, Joseph Dim, Miracle Dim, Veronika Dreier, Yoyo Emeka,
Yomi Nweje, John Okoye und Sarah Godthart, Sabina Hörtner, Fritz
Langmann, Elke Murlasits, Anita Mörth, Mag Rosa Pink, Maria Slovakova,
Edda Strobl (Tonto), Maki Stubenberg, Jörg Vogeltanz und die GastzeichnerInnen
im N I L ihre Arbeiten. Performances von Annette Giesriegl und Eva Ursprung,
BAODO und Bettina Fabian waren im Programm. MusikerInnen, PerformerInnen
und KünstlerInnen aus Österreich und der internationalen Szene
begegnen sich in einem konzentrierten und experimentellen Umfeld, um
neue künstlerische Möglichkeiten zu erproben.
Hier begegnen sich nicht nur KünstlerInnen aus verschiedenen Kulturen;
im N I L treffen sehr traditionelle und sehr zeitgenössische KünstlerInnen
aufeinander. Im N I L ist soll ein lebendiger Dialog zwischen internationalen
Gästen und lokaler Szene, zwischen sehr erfahrenen KünstlerInnen
und ganz jungen Talenten, zwischen Fragestellungen einer lokalen künstlerischen
Szene und der internationalen Kultur entstehen. Die Angebote sind für
ein breites Publikum quer durch alle Musik- und Kunstgenres konzipiert
und soll vor allem auch junge Menschen ansprechen.
Edith Risse:
Die afrikanischen Jugendlichen verfügen
über beträchtliches kulturelles Kapital, das sie aus ihren
jeweiligen Heimatländern mit gebracht haben. Vor allem Flüchtlinge
aus landwirtschaftlich dominierten Landstrichen erleben die Begegnung
mit den industrialisierten westlichen Gesellschaften nicht selten als
Kulturschock;
Das Projekt "BAODO - Zurück zu den Wurzeln" versucht auch als Katalysator
zu fungieren, der es den Flüchtlingen erleichtert, ihre eigene
Kultur als gleich berechtigt zu akzeptieren. Afrikanische Kunst liegt
im Trend, in den letzten Jahren hat die Anzahl der Ausstellungen deutlich
zugenommen, gleichgültig ob diese traditionelle oder zeitgenössische
Kunstobjekte präsentierten.
Nach Auffassung mancher Experten liegt einer der Gründe
darin, dass die heutige westliche Kunst zu viel Kälte ausstrahle
und dem Bedürfnis des Betrachters nach Menschlichkeit nicht mehr
gerecht werde. Die Rezeptionsgeschichte der künstlerischen Ausdrucksformen
Afrikas in Europa mahnt aber zur Vorsicht, sie gibt Zeugnis von Missverständnissen,
die durch die Anlegung europäischer Ma§stäbe an diese völlig
anderen Regeln folgende Kunstlandschaft entstanden sind.
Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind starke Einflüsse traditioneller
afrikanischer Kunst auf die avantgardistische europäische Kunst
unverkennbar; hier seien nur die deutschen Expressionisten und Picasso
erwähnt. Damals haben Künstler in ethnologischen Sammlungen
afrikanische Artefakte als Kunst "entdeckt" und durch sie neue Wege
der Abstraktion und Expression kennen gelernt. In der Folge wurden diese
dann idealisiert und zu Projektionsflächen einer Fiktion von Vitalität,
Magie, natürlicher Körperlichkeit und Erotik, die in der "eigenen"
Tradition vermisst wurden.
Traditionelle afrikanische Kunst ist im Wesentlichen religiösen
Ursprungs und untrennbar mit Kulthandlungen, Mythologien, Festen und
Ritualen verknüpft. Sie verwebt das menschliche Dasein mit der
Welt der Ahnen, der Götter und Dämonen. Ahnen- und Zauberfiguren
(Fetische) sowie Masken sind die wichtigsten Ausdrucksformen, hinzu
kommen Wächter- und Grabfiguren sowie sakrale Gefäße
und Abzeichen.
Insgesamt überwiegt die plastische Gestaltung, die Malerei tritt
primär in Form der Körperbemalung mit einer spezifischen "Bildgrammatik"
in Form eines streng fest gelegten Formen- und Motivrepertoires in Erscheinung.
Diese so genannte Podai- Malerei fasziniert durch die Sparsamkeit der
angewandten Mittel, die Klarheit der abstrakten, teils floral anmutenden
Muster und ihre reduzierte Farbigkeit. Die neue afrikanische Kunst hat
Althergebrachtes sowohl weiter geführt als auch verändert.
Dabei lässt sich feststellen, dass die Emanzipation von den inhaltlichen
und formalen Gegebenheiten der Stammeskunst auf zwei Wegen erfolgte:
Einerseits durch das erzählerische Tafelbild und andererseits,
wesentlich radikaler, durch dekorative Umsetzungen mythischer Vorstellungen,
durch eine "Ikonographie der Innerlichkeit". Die Werke dieser jungen
KünstlerInnen machen den Formenreichtum sichtbar, der von der Basis
eines Kanons von traditionellen Symbolen ausgeht, wobei die überlieferten
Muster jeweils an die jüngere Generation weiter gegeben worden
sind. Aus den wenigen Farben und den stark abstrahierten Motiven entwickeln
die KünstlerInnen im freien Umgang mit dem tradierten Kanon mit
großer Meisterschaft in der Komposition eine gänzlich eigene
Bildsprache.Ihre Malerei spielt mit dem alten Formen- und Motivrepertoire
und gibt die für dieKörpermalerei essenzielle ´Bildgrammatik`
auf. Die zeitgenössische afrikanische Kunst hat aber auch Neues
geschaffen, für das es weder in Afrika noch irgendwo sonst auf
der Welt Vorbilder gegeben hat. Oft sind diese neuen Kunstformen aus
der Auseinandersetzung mit der westlichen Welt - zunächst den kolonialen
Metropolen, später der Kultur des Westens im Allgemeinen - hervorgegangen.
Statt des vorhergesagten Unterganges einer selbständigen afrikanischen
Kunst haben die Künstler zu fruchtbaren und ausdrucksvollen Antworten
auf die gestellten Herausforderungen gefunden. Diese vielfältigen
Traditionen und die neuen Tendenzen in den Kunst-Szenen ihrer Heimatländer
manifestieren sich auch in den Bildern der jugendlichen Mitgliedern
der Gruppe BAODO, was Gelegenheit bietet, unsere Vorurteile über
afrikanische Kunst - die in der klischeehaften Vorstellung vieler ausschließlich
aus geschnitzten Masken, Fetischen und zu Ritualzwecken hergestellten
Gegenständen besteht - gründlich zu revidieren und durch ein
zeitgemäßes Bild von der Kunst Westafrikas zu ersetzen.
Christian Wabl - BAODO
Die Farben Afrikas, Afrikanische Kunst
wühlt auf. Anders als ein Gang durch eine Ausstellung moderner europäischer
Kunst. Die Farben kommen aus einer anderen Erde. Die Mitteilungen erscheinen
älter und tiefer. Die Farben Afrikas nehmen den direkten Weg zum
Betrachter. Ich schreibe über Afrika und Europa - über die
Berührungspunkte.
Seit meiner Kindheit leben in mir Vorstellungen von Afrika. Zu diesen
gehörten grüne Hügeln, weite Savannen, wilde Tiere; Menschen,
die in Hütten wohnen. Wo es noch Gemeinschaften gab. Menschen,
die zusammen halten und Zusammenhalt haben. Menschen, die noch gemeinsam
in einem Kreis sitzen und essen. Die Erinnerung daran kommt auf, wenn
ich Kunst aus Afrika sehe. Eine Welt, die von einem weit entfernten
Leben berichtet. Ich weiß, Afrika besteht nicht aus Naturparks
und Menschen, die auf dem Lande in Hütten leben.
Schon lange zogen sie auch dort in die Städte und kämpfen
ums Überleben. Vieles, was Männer und Frauen über ihre
afrikanischen Länder erzählen, erinnert mich an die Große
Landflucht in Europa. Wo in den großen Industriezentren völlig
entwurzelte Menschen von einer Katastrophe in die nächste taumelten.
Wie lange hat es gebraucht, bis das, was geschaffen wurde, verteilt
wurde? Und noch immer: der Verteilungskampf. Und die Auflösung
der Familien, der Stämme, der Dorfgemeinschaft? Die Menschen hier
versuchen verzweifelt mit der neuen Lage - schon seit Generationen -
fertig zu werden.
Es gelingt ihnen, irgendwie, ökonomisch. Für
alle nach diesem Anpassungskrieg verlorenen, vereinsamten und verlassenen
müssten die "afrikanischen" Bilder wie Botschaften aus versunkenen
Welten erscheinen - aus der Zeit vor der großen industriellen
Revolution. Dort begegnet einander, so denke ich, die afrikanische und
europäische Seele und so erkläre ich mir die Wirkung der Farben
Afrikas. Wo und wann trifft sich der afrikanische und europäische
Geist? Das Unglück, das weite Teile dieses Kontinents gefangen
hält, ist groß. Im herrschenden, globalen Wirtschaftskrieg
ist die Ausgangslage ungleich.
Die Bedingungen, unter denen neue Verhältnisse entstehen
könnten, sind nicht gegeben. Nur eine gemeinsame, große Anstrengung
für eine neue Verteilungsordnung der Welt könnte zu einem
würdigen Leben im globalen Dorf führen. Das wäre dann
aber die Abkehr von der herrschenden europäisch-amerikanischen
Lebens - und Produktionsweise, wo der Gewinn des einzelnen im Zentrum
der Überlegungen steht. Sollte das möglich sein? Es muss - und bald!
Pirstinger Franziska - Überlegungen zur Kunst- und Maltherapie
Das deutsche Wort Therapie stammt vom griechischen therapeia ab, was
Sorge, Dienst, Heilung bedeutet. Wurde die Therapie bis vor kurzem ausschließlich
als medizinische Behandlung definiert, so versteht man sie nun in der
Umgangssprache auch im Sinne einer Technik zur Persönlichkeitsentfaltung.
Therapie bezeichnet im Besonderen eine nicht-medizinische, psychotherapeutische
Behandlung (ohne Diagnose bzw. eindeutigen Krankheitsbefund), die auf
einer positiven Auffassung der Gesundheit beruht. Als "psychisches,
physisches und soziales Wohlbefinden (Definition der WHO), werden heute
für die Gesundheit eines Menschen auch Kriterien wie Kreativität,
Kommunikationsfähigkeit und Persönlichkeitsentfaltung herangezogen.
Daher empfiehlt es sich, den Begriff Maltherapie nicht in den Zusammenhang
mit Krankheit zu bringen, sondern eher als einen Prozess der Wandlung
zu sehen.
Maltherapie eröffnet Menschen, die nicht viel reden oder Schwierigkeiten
mit verbalem Ausdruck und Kommunikation haben, neue Möglichkeiten
mit ihrem seelischen Innenleben Kontakt aufzunehmen und ihre Gefühle
auszudrücken. Auf dem Weg der kreativen Betätigung kommt der
Klient zu neuen Erfahrungen und Erkenntnissen und findet oft konstruktive
Lösungen fŸr sein persönliches Problem.
Als Wirkfaktoren der Maltherapie können die therapeutische Beziehung,
die Raumgestaltung, Symbole, Wahrnehmung und Bewusstmachung durch Gespräche
und Neugestaltung des "Selbst" genannt werden. Maltherapie ist
Kreativitätsförderung für jeden Einzelnen. Maltherapie
fördert durch die unterschiedlichen Techniken und Methoden verstecktes
Kreativitätspotential. Sie ermöglicht dem Innenleben eine
besondere Ausdrucksmöglichkeit durch die Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeit
und die Reduzierung auf das Wesentliche.
Moshen Soltani aus dem Malatelier
Dreier beschreibt: "Bevor ich mit dem Malen beginne suche nicht
ich die Farben aus. Es ist eher umgekehrt - die Farben wählen sich
selbst aus. Manchmal verändert sich eine Idee während der
Arbeit- das ist sehr spannend für mich. Ich weiß dann gar nicht,
warum das so ist. Bis heute habe ich keine Antwort auf diese Frage.
Mein Unglück male ich so wie die Nacht- schwarz, und mein Glück
so wie die Blumen- rot, schlechte Erinnerungen so wie ein Blatt Papier-
weiß, und gute Erinnerungen so wie der Ozean- blau". Im Malatelier werden
die Bilder zu Spuren - zu Lebensspuren, Spur gewordene Empfindung und
Erfahrung mit der Welt.
Ein Prinzip bestimmt die Arbeit im Atelier: der freie Ausdruck. Hier
werden keine Ratschläge erteilt, keine Techniken vermittelt, sondern
man spürt lediglich die Anwesenheit einer Person, die ihr Wissen
für die Eigen- und Gruppendynamik zur Verfügung stellt. Diese
Anwesenheit im Hintergrund löst beim einzelnen die Verbalisierung
des gerade Erlebten, Ausgeführten oder Dargestellten aus. Diese
stille Anwesenheit der Malatelierleiterin ermöglicht so den Zugang
zur Symbolsprache. Die Mittel der Kunst erlauben nicht nur eine privilegierte
Form des Austausches zwischen Klient und Therapeut, sondern mit ihrer
Hilfe kann man auch eine Reihe von lateralen Interaktionen in der Gruppe
der Klienten selbst entwickeln. Die Therapeuten können als Erfolgsfaktoren
an den Klienten Fortschritte in der Ausdrucksfreiheit, mehr Geduld,
mehr Sensibilität, mehr Offenheit und Vertrauen gegenüber
den anderen, feststellen.
Ein wesentlicher Beitrag der Kunsttherapie
ist die Überwindung der Abkapselung und der Apathie des Klienten.
Sie bewirkt eine Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen und
eine verstärkte regelmäßige Aktivität des Klienten,
solange er in der Klinik ist, was die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess
nach der Entlassung erleichtert. Außerdem stabilisiert die Kunsttherapie
das innere Gleichgewicht des Teilnehmers, bereichert und erweitert seine
Interessen und gibt ihm die Möglichkeit, auch nach seiner Entlassung
einer im psychotherapeutischen Sinn sinnvollen Beschäftigung nachzugehen.
Die bildende Kunst ist grundsätzlich therapeutisch, weil sie Arbeit
mit der Materie ist: Farben, Leim, Papier, Ton, Kleister,É Die Materie
ruft Regressionswünsche wach. Über das rein Optische hinaus
bietet die Malerei den Kontakt mit den Elementen des Feuchten, Klebrigen,
Elastischen, die die ganz frühen Erfahrungen des Menschen im Kleinkindstadium
anklingen lassen. Viele Erwachsene haben den Kontakt zur Materie verloren.
Manche ekeln sich, vielleicht als Folge einer allzu rigorosen Reinlichkeitserziehung.
Der Kontakt mit Farbe, Ton, und Kleister ist eine Rückkehr zur
Materie, die am Anfang sehr beängstigend, ja ekelig wirken kann.
Der Patient muss die Materie im spielerischen Umgang und durch eine
Steigerung der eingesetzten Mittel beherrschen lernen. Daher ist es
günstig ein großes Angebot an Materialien zur Verfügung
zu stellen. Die Materie ist nicht nur Symbolträger, sondern auch
eine Quelle der Freude: am Berühren, Greifen, Kneten, Beschmieren,
Einreiben, Streicheln und letztendlich am Gestalten.
Die künstlerische Aktivität,
vor allem die bildende Kunst, wird manchmal als Ausdruck eines regressiven
Zustandes verstanden. Malen und Zeichnen sind Tätigkeiten, die
man als Kind erlernt. Die meisten Erwachsenen, sofern sie nicht Künstler
sind, fühlen sich in die Kindheit zurückversetzt, wenn sie
einen Pinsel in die Hand nehmen. Jeder spürt seine Unsicherheit,
sein Zögern, seine Angst, "gesehen zu werden". Malen ist auch ein
Arbeiten mit der eigenen Vorstellungskraft, eine Fähigkeit, die
der Erwachsene vernachlässigt. Das Blatt oder die Leinwand haben
zudem noch eine faszinierende Spiegelwirkung, denn sie machen fŸr den
Zeichner einen Teil seines eigenen inneren Ich sichtbar. Im Zeichner
steigen Erinnerungen und Bilder hoch, die mit Worten niemals ausreichend
ausge drückt werden können. Der therapeutische Nutzen jeder
Tätigkeit entspringt vor allem aus der Freude, die jeder Patient
empfindet: aus der kšrperlichen und sinnlichen Freude entwickelt sich
der primþre Narzissmus, der den Klient schrittweise dazu bringt, sich
ausdrücken zu wollen.
Moshen Soltani aus dem Malatelier Dreier erzählt: "Bevor ich mit
meiner Arbeit beginne, denke ich daran, was ich machen könnte.
Zunächst malt mein Herz in meinem Gehirn, dann erst beginnen meine
Hände mit der Arbeit. Ich kann mit Worten gar nicht ausdrücken,
wie sehr ich diese Tätigkeit genieße." Schon bei kleinen
Kindern sehen wir das Bedürfnis konkrete Erfahrungen in einen größeren
Sinnzusammenhang zu stellen. Das ist Wesen des schöpferischen Prozesses.
Diese einzigartige Möglichkeit der Sinnerfassung und Sinnstiftung
durch kreative Betätigung sollten sich auch Erwachsene nicht entgehen
lassen. Durch verschiedene Einflüsse, wie einseitige Gewichtung
eines naturalistischen Kunstverständnisses, Betonung auf Rationalität
und Ausklammerung von Emotionen haben gerade Erwachsene oft den Mut
verloren, sich so unmittelbar ihrem Inneren zu öffnen. Moshen berichtet
wie er durch den Malprozess wieder Zugang zu den Innenformen seiner
Erfahrung fand: "Ich glaube es ist unmöglich, das Gefühl im
Malatelier zu arbeiten irgend jemandem zu vermitteln. Während des
Malens bin ich nicht in dieser Welt, sondern versinke in einer ganz
eigenen."
Die Arbeit im Atelier mit der Gruppe
Baodo geht über kunsttherapeutisches Arbeiten hinaus und kann im
Sinne einer sozialen künstlerischen Intervention verstanden werden,
die an den erweiterten Kunstbegriff nach Josef Beuys anschließt:
"Die Konzeption der Kunst erweitert sich und umfasst nun nicht nur die
Tätigkeit des Malers, des Bildhauers, des Poeten, des Musikers,
des SchauspielersÉ. Sondern sie umfasst nun die gesamte menschliche
Arbeit. Das ist für mich die notwendige Entwicklung der Kunst".
In der Praxis heißt das, dass jeder Tätige auch eine neue
künstlerische Disziplin erlernen müsste. Darunter verstehe
ich eine soziale Kunst, eine soziale Bildhauerei. Eine soziale Kunst,
das bedeutet, die Beziehung zwischen den Menschen zu pflegen, was gewissermaßen
ein Akt des Lebens ist. Im Namen dieser Auffassung einer anthropologischen
Kunst ist jeder Mensch ein Künstler (Beuys 1981)
Zunächst ging es Veronika Dreier
darum, jungen Asylwerbern eine Möglichkeit zu geben, ihre traumatischen
Erfahrungen, die Anlass zur Flucht gaben, mit künstlerischen Mitteln
aufzuarbeiten. Viele der Jugendliche sind durch Krieg oder andere Formen
politischer Gewalt aus ihren Heimatländern vertrieben worden und
finden sich traumatisiert und alleine in einer völlig fremden Welt
wieder. - Andere Sprache - andere Kultur- und vor allem eine Lebensgeschichte,
die man sich im sicheren Graz kaum vorstellen kannÉ. Das interkulturelle
Kunstprojekt bot zunächst die Möglichkeit im therapeutischen
Sinne Unterstützung zu geben. Veronika Dreier bot den Jugendlichen
Ihr Atelier an - und ließ sie mit grafischen und malerischen Mitteln
arbeiten, was ein unglaubliches Potential geballter kreativer Kraft
freisetzte. Die traumatisierten und desorientierten Jugendlichen fanden
in diesen Malworkshops wieder Zugang zur eigenen inneren Wirklichkeit
- Veronika Dreier machte sie bekannt mit ihrem ungeahnten Kapital an
Kreativität - Die Jugendlichen arbeiteten im künstlerischen
Prozess ihre oft traumatischen Erinnerungen auf und bekamen so die Möglichkeit
ihre oft sehr schwierige Situation zu reflektieren und zu bewältigen
und sich frei auszudrücken.
Das Malatelier bot für die jugendlichen Asylwerber oft den einzigen
Rahmen sich frei und ohne Druck äußern zu können.Joseph,
einer der Teilnehmer erzählte mir er konnte nach seiner Ankunft
in Österreich nicht mehr sprechen - weder Medikamente, noch Ärzte,
nicht einmal ein stationärer Aufenthalt im Krankenhaus halfen.
Erst im Malprozess lösten sich langsam seine Probleme. Heute vier
Jahre danach, plant Joseph bereits eigene Kulturprojekte und hat sich
in der neuen Heimat verwurzelt. Jean Baptiste beschreibt die Erfahrungen
im Malatelier Dreier folgend:" Meine Inspiration kommt aus der Vergangenheit,
der Gegenwart und der Zukunft. Für mich ist die Malerei ein Mittel,
um meine Gedanken Ÿber das Leben auszudrücken, sowie meine Wünsche
und Sehnsüchte: Das Leben fließt so wie die Wellen eines
Flusses - das Leben ist in Bewegung. Die Wellen sind das auf und ab
des Schicksals". Moshen Soltani fand im Malatelier zu der Sprache seines
Herzens - zur Kunst. Er sagt:" Kunst war die erste Sprache, die die
Menschen anwandten, um miteinander in Verbindung zu treten (z.b Höhlenmalerei).
Alle Menschen kannten diese Sprache und waren stolz auf sie. Kunst ist
für mich eine Übersetzung fŸr die Sprache meines Herzens,
meiner Gefühle, und all der Dinge, die ich will und wollte- sie
ist für mich eine Übersetzung fŸr meine Vergangenheit und
auch für meine Zukunft.
Wenn ich alleine bin ist die Kunst für mich der beste Freund, um
mit mir selbst zu kommunizieren. Meine Arbeiten hören den Schmerz
meines Herzens und sie zeigen dies in den Farben auch anderen Personen.
Ich bin sicher, dass jeder die Sprache des Herzens kennt, so wie die
Sprache der Farben und die Sprache der Liebe. Ein Künstler ist
ein Liebender- Kunst ist Liebe. Und wenn jemand diese Geschichte der
Liebe erkennt, dann ist es Kunst. Ich wage nicht zu sagen, dass ich
ein Künstler bin, aber was ich weiß ist, dass ich ein Liebender
bin". Die lohnenste Aufgabe für Kunsttherapeuten ist es, die Macht
der Kunst einzusetzen, um die leidenden Kinder und Erwachsenen, mit
denen sie arbeiten, aus der Isolation, in die sie durch die Beschäftigung
mit ihren eigenen Problemen geraten sind, zu befreien und in eine weitere
Welt hinauszuführen.
Moshen Soltani: "All die Arbeiten, die ich male, sie sind mein Körper;
all die Farben, die ich verwende, sie sind mein Blut; all die Formen,
die ich gebrauche, sie sind mein Herz. Schreiend möchte ich mitteilen:
Ich will leben!!!!" Mit dem Malatelier Baodo ist es auf beispielhafte
Weise gelungen, gesellschaftspolitische Probleme künstlerisch nicht
nur aufzuzeigen, sondern an der Wurzel anzupacken. Moshen ist einer
der vielen, der durch das Malatelier einen Weg gefunden hat, sich in
der neuen Heimat kulturell einzubringen: "Ich spreche die deutsche Sprache
noch nicht so gut, aber ich kenne die Sprache des Herzens. Ich möchte
die Kunst der Politiker vergessen und die neue Kunst des Lebens erlernen.
Ich mag die Menschen, und die Kunst zeigt mir, wie ich andere Personen
lieben kann." |