Menschen Stoffe Geschichte
Die Bosna Quilt Werkstatt entstand 1993 im
Caritas Flüchtlingsheim Galina in Vorarlberg/Österreich. Initiatorin
und künstlerische Leiterin ist die Malerin Lucia Feinig-Giesinger.
Sie gestaltet die Quilts und verantwortet die Materialien und die Farbigkeit
der Tücher. Bosnische Frauen steppen die Linien nach ihren eigenen
Vorstellungen.
Ein Bosna Quilt ist ein rucno (von Hand) genähtes, dreischichtiges,
abstraktes Textilunikat, an dem Künstlerin und Näherin ihren
selbständigen Anteil haben. Bisher gab es über 80 Bosna Quilt
Ausstellungen in ganz Europa. 1998, nach dem Ende des Kriegs, wurde
die Werkstatt in die zerstörte Enklave Gorazde an der Drina verlegt.
12 bosnische Familien verdienen mit Bosna Quilts ein Grundeinkommen.
Bosna Quilts hängen in Privathãusern, in Bürohäusern,
in Sakralräumen. Sie werden auch auf Bestellung entworfen und genäht.
Das Buch "Vernähte Zeit - Die Bosna Quilt Werkstatt"
(Sasiveno vrijeme, Wien 1999) mit Farbreproduktionen, SW-Fotos von Nikolaus
Walter und Texten von Willibald Feinig ist ein spannendes Dokument über
die Eigenart der Bosna Quilts, ihren menschlichen und zeitgeschichtlichen
Hintergrund. Das Buch ist in der 2. Auflage mit englischer Übersetzung
von John Christensen bei Verlag W.Neugebauer, Graz - Feldkirch erschienen
, ISBN 3-85376-078 € 49,50 CHF 75,00
Geschichte
Im Frühjahr 1993 begann die Vorarlberger Malerin Lucia Feinig-Giesinger
auf Anregung einer Psychologin mit bosnischen Flüchtlingsfrauen
im Caritas-Lager Galina (Vorarlberg) die Herstellung von Tüchern
in Patchwork-Technik. Es war mitten im Bosnischen Krieg. Niemand von
den Beteiligten dachte, dass diese ungewöhnliche interkulturelle
Zusammenarbeit ein solches Echo finden würde: über1000 handgesteppte
Quilts sind seither in der Bosna Quilt Werkstatt entstanden; fast hundert
Ausstellungen in österreich, Deutschland, Liechtenstein, Schweiz,
Bosnien und Frankreich haben sie bekanntgemacht.
1998 mussten die meisten Frauen zurückkehren. Seither werden die
Quilts in der im Bürgerkrieg zerstörten Enklave Gorazde an
der Drina genäht, einer der bosnischen Städte, die 1992-96
am meisten gelitten haben. Die Fortsetzung wurde durch Subventionen
einer Privatstiftung und der öffentlichen Hand und durch das Entgegenkommen
einer Textilfirma ermöglicht. Heute steht die Bosna Quilt Werkstatt
auf eigenen Füßen. Ein "Verein Bosna Quilt Werkstatt"
ermöglicht die Produktion und sichert damit Arbeitsplätze
und ein regelmäßiges Einkommen für 12 Bosnierinnen.
1999 erschien der zweisprachige Bild - und Textband "Vernähte
Zeit/Sasiveno vrijeme", der die Initiative Lucia Feinigs darstellt.
2002 widmete das österreichische Fernsehen dem Kunst- und Selbsthilfeprojekt,
in dem Laien und Künstlerin aus Ost- und Westeuropa zusammenarbeiten,
eine Filmdokumentation.
Lucia Feinig hatte sich bewusst für eine künstlerische
Technik entschieden, in der weder sie noch die bosnischen Frauen irgendeine
Erfahrung hatten. Nach einer Versuchsphase wurde nicht nur ein Verteilungsschlüssel
für die Einnahmen gefunden, sondern bald auch die für Bosna
Quilts charakteristische Arbeitsteilung klar: Die Gesamtgestaltung,
die Verteilung der Stoffflächen in ihrer unverkennbaren, oft dramatischen,
oft verhaltenen Farbigkeit stammt von Lucia Feinig; die Nahtzeichnung
entwickeln die bosnischen Frauen selbst, sie steppen in ihrer je eigenen,
immer ausgeprägteren Handschrift. Es handelt sich also nicht um
Westkunst, ausgeführt von Handwerkerinnen aus dem Osten, sondern
um einen gemeinsam gestalteten "neuen Raum im Haus der Kunst"
(Oslobodenje, Sarajevo, 6.2000)
Hauptsächlich über Ausstellungen, zu denen die Gruppe eingeladen
wurde, fanden und finden die gesteppten Dreischicht-Tücher, die
ein Klima der Wärme und Nähe schaffen, ihren Weg in private
und öffentliche Räume. Bosna Quilts hängen in zahlreichen
Geschäftsräumen (z.B. bei KTM in Mattighofen), in Kirchen
(z. B. in der Holzmeisterkirche in Bregenz-Mariahilf), in Bildungshäusern,
Hotels, Krankenhäusern und Wohnungen. Pro Quilt sind durchschnittlich
100 bis 200 Arbeitsstunden nötig. Regelmäßige Austausche
und Besuche dienen der Weiterentwicklung des Projekts.
Einen entscheidenden Schritt in die Öffentlichkeit bedeutete der
große Bild- und Textband "Vernähte Zeit". Er beleuchtet
die historischen und künstlerischen Hintergründe der Werkstatt.
Zeitgeschichtliches Dokument und Kunstbuch zugleich, mit Schwarzweiß-Fotos
von Nikolaus Walter und Texten (in zwei Sprachen) von Willibald Feinig,
enthält das Buch auch 57 Farbseiten, die einen Eindruck von der
Eigenart, der Dichte und Leuchtkraft der Bosna Quilts geben.
Der gemeinnützige Träger-Verein wurde 1998 gegründet,
um Herstellung und Verkauf der Bosna Quilts zu fördern. Präsident
ist Norbert Fitz (Altach).
Der Hohe Repräsentant der Vereinten Nationen in Bosnien, Wolfgang
Petritsch, eröffnete am 23.11. 2001 die Bosna Quilt Ausstellung
in der Bosnischen Nationalgalerie (Umjetnicka Galerija) in Sarajevo.
Er hält das Kunstprojekt für ein "äußerst
wichtiges" Muster der Eigeninitiative und des Zusammenhaltens von
Ost und West. Solche Eigeninitiativen, so Petritsch, geben einem traumatisierten
Land wie Bosnien Zukunft.
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